23. September 2017

Der letzte Blick in die Kristallkugel: Wie geht die Bundestagswahl aus?

Wenn man auf die letzten Prognosen der großen Meinungsforschungsinstitute (zum Ergebnis der jüngsten Umfrage von YouGov geht es hier) vertraut, so gestalten sich die Schwankungsbreiten bei den Resultaten der Parteien, die eine realistische Chance auf den Einzug in den Bundestag haben, wie folgt:

Union    34 bis 37 %
SPD      20 bis 23 %
AfD       10 bis 13 %
FDP       9 bis 11 % 
Linke     8,5 bis 10 %
Grüne    7 bis 8 %

21. September 2017

秋歌之。Qiūzhī gē, Das Lied vom Herbst

Zwar steht der astronomische Herbstanfang, der sich der genauen Ausrichtung des Erdäquators aufs Zentralgestirn verdankt, strenggnommen erst am morgigen Tag ins Haus, doch sei die Gelegenheit hiermit beim Schopf genommen, einige Verse zu zitieren, die sicher zu den berühmtesten der deutschsprachigen Literatur zählen: Rainer Maria Rilkes "Herbsttag", heute vor genau 115 Jahren in Paris niedergeschrieben während seiner Zeit als Sekretär Rodins und genau zehn Tage nach der Entstehung seines anderen bekannten Gedichts zum gleichen Thema, "Herbst" ("Die Blätter fallen, fallen wie von fern / als welkten in den Himmeln ferne Gärten...") und im gleichen Jahr in der ersten Fassung des Buchs der Bilder veröffentlicht.

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

17. September 2017

Streiflicht: Ein aufgebauschtes Problem

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Auch dieser Tage wollte dieser Autor wieder ein paar Artikel zum Thema Dämlichkeit von Wahlplakaten verfassen, und als Basis dieser Artikel  sollten wieder mal ein paar schöne Fotos aus der einen oder anderen deutschen Innenstadt dienen.
Doch neben den üblichen Plattitüden ist etwas anderes vielleicht ganz bedenkenswert, dass nicht direkt ins Auge fällt. Denn im Unterschied zur Landtagswahl finden sich bei dieser Wahl durchaus Plakate einer Partei, die zur Landtagswahl praktisch gar nicht plakatiert hat. Allerdings sind die Plakate dann doch nicht so ganz gewöhnlich: Sie waren nahezu alle zerstört.


16. September 2017

Die Mehltau-Kanzlerin und die verdrossene Republik

Die Bundestagswahl steht vor der Tür, und in einigen deutschen Medien regt sich so etwas wie Unmut über die amtierende und wohl auch zukünftige Bundeskanzlerin. Wenn Alexander Kissler auf cicero.de davon spricht, dass
das Regieren der späten Merkel [...] die Vernunft [...] aus dem Debattenfeld gestoßen
habe, politische Sachfragen "ins Moralische" gezogen und Kritiker zu Misanthropen gestempelt würden, so mag das noch wenig verwundern, ist doch jede an die Regierungschefin adressierte Verneigung des nach dem berühmten römischen Redner benannten Magazins durch einen gewaltigen Hexenschuss entwertet.

14. September 2017

Die sieben Krim-Lügen

Nicht nur wegen der bevorstehenden Bundestagswahl kommt immer wieder das Krim-Thema hoch.
Und dazu kann man ja auch interessante Fragen diskutieren. Soll man nun die Sanktionen verschärfen oder lockern? Gibt es weitere Maßnahmen, mit denen der Westen auf Putins Eroberungspolitik reagieren kann? Welche weiteren Gesprächsangebote sollte man Rußland machen? Wie kann man die Verteidigungskapazitäten der NATO erhöhen? Und noch vieles mehr ...

Aber was man nicht mehr sollte: In den Diskussionen auf die verschiedenen Lügen einzugehen, mit denen Putins Unterstützer agieren und die immer wieder gebracht werden, um von den eigentlichen Themen abzulenken.
Daher nun einmal die Hitliste der sieben wesentlichen Propagandalügen zum Krim-Konflikt, damit diese ein für allemal erledigt sind.

12. September 2017

Ein bisschen Polit-Esoterik: Zum tieferen Sinn in Jens Spahns Äußerung über englisch sprechende Kellner

Der Verfasser dieser Zeilen dachte ursprünglich, zu Jens Spahns Äußerung über englisch sprechendes Gastronomiepersonal in Berlin nichts schreiben zu müssen. Denn augenscheinlich war die öffentlichkeitswirksame Indignation des Parlamentarischen Staatssekretärs nur der Aufhänger dafür, eine in der CDU einstmals allgemein geteilte, nach zwölf Jahren Merkel-Kanzlerschaft jedoch als beschämend konservativ geltende Ansicht über den kulturellen Wandel und das dagegen bestehende Sicherheitsbedürfnis des einfachen Mannes in einem durch und durch fadisierenden Wahlkampf zu platzieren. Vom politischen Kalkül her erinnerte das alles ein bisschen an Wolfgang Thierses Schrippen-Kampanilismus.

Doch man kann der Äußerung des Schäuble-Adlatus freilich auch einen über das Erzielen von Publicity-Punkten hinausreichenden Zweck zubilligen. So meint Andrea Hanna Hünniger auf ZEIT-Online, Spahn wolle sich mithilfe seiner Attacke auf die alloglotte Hipster-Community ein neues Feindbild dienstbar machen. Dies habe etwas mit einem „Rechtsruck“ zu tun, dessen „Schwellenhüter […] die Konservativen“ seien. Sobald sich diese einer Koalition mit den Unsäglichen öffneten, werde „der Ultranationalismus mehrheitsfähig“. Im Fall des 37-jährigen Unionsmannes stellt die Autorin „kontrafaktisch“ die Frage, ob dieser nicht den Pakt mit dem ideologischen Teufel einginge, wenn im Gegenzug dafür das weiche Polster des Regierungschefsessels winkte.

11. September 2017

Never forget.

 
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U.E.

© Ulrich Elkmann. Für Kommentare bitte hier klicken.

10. September 2017

Zitat des Tages: Flagge zeigen!

Merkel berichtete, ihr begegneten auf Wahlveranstaltungen viele „von der AfD und der NPD, einfach mit dem Ziel, andere Menschen beim Zuhören zu stören“. Man könne unterschiedlicher Meinung sein. „Aber sich nur hinstellen und schreien, das finde ich, ist zu wenig.“ Tauber sagte: „Aber das halten wir aus. Wir weichen nicht, das sind wir unseren Anhängern schuldig.“ Die Zahl der Interessierten sei viel höher als die der „Schreihälse“ – auch im Osten.
Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) verurteilte die Störaktionen bei Merkels Veranstaltungen. Es sei wichtig, dass Politiker die Möglichkeit hätten, auf Kundgebungen für ihre Politik zu werben, sagte sie in Rostock. „Da darf man friedlich protestieren. Aber was nicht geht, ist diese Grenzüberschreitung, die Krawallmacherei.“
Aus dem Artikel "Politik muss Flagge zeigen zeigen" (Stand 10.09.2017) auf faz.net. 
Kommentar: Das Unterbrechen und Stören von Veranstaltungen und insbesondere das Bewerfen mit Lebensmitteln, seien es Obst und Gemüße, seien es Torten (auch und gerade tiefgefroren), ist absolut inakzeptabel und richtet sich gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung, egal mit welchen pseudointellektuellen Ausreden sie daherkommen oder wie sehr der Angegriffene oder die andere Extreme angeblich schlimmer sei als man selber. Denn letzteres sind nur die Ausreden, mit denen Antidemokraten und Extremisten ihre Aushebelung demokratischer Grundnormen, die sich früher oder später eben nicht mehr nur gegen die angeblich größere Gefahr richten, propagandistisch rechtfertigen. Das ist demokratischer Grundkonsens.
Entsprechend ist es richtig, dass Politiker sowohl der CDU als auch der SPD und insbesondere unsere Bundeskanzlerin klar Stellung gegen das Bewerfen mit Lebensmitteln beziehen, sobald sie selber betroffen sind. Jeder sollte gegen solche Störaktionen Stellung beziehen, sobald es ihn oder sie selber trifft. 

Techniknörgler

© Techniknörgler. Für Kommentare bitte hier klicken.

8. September 2017

Das Kreuz mit dem Kreuz: Noch einmal die FDP wagen?

Die Wahlkabine ist der Darkroom der Demokratie. Hinter dem für Diskretion sorgenden Vorhang kann der Souverän – ohne Überwachung durch offiziös bestallte Sozialkontrolleure – seinen gewohnheitsmäßigen ideologischen Passionen nachgehen oder einfach mal eine Schweinerei ausprobieren, für die man ihm, wenn sie ruchbar würde, gehörig auf die Finger klopfen würde.

Wenn der Verfasser dieser Zeilen aus seinem Herzen keine Mördergrube macht, so muss er bekennen, dass er hinsichtlich der anstehenden Bundestagswahl große Lust verspürt, für den Protest zu stimmen. Dann wähl sie doch? Nein. Denn der endunterfertigte Autor liebäugelt in den kühneren seiner staatsbürgerlichen Phantasien damit, seinen Unmut dadurch auf das großformatige Papier zu bringen, indem er die Bayernpartei wählt.

7. September 2017

Warum lasst ihr sie nicht reden?

Lass die Leute reden, denn wie das immer ist: 
Solang die Leute reden, machen sie nichts Schlimmeres 
Und ein wenig Heuchelei kannst du dir durchaus leisten 
Bleib höflich und sag nichts - das ärgert sie am meisten
(Die Ärzte: "Lasse reden", 2007)

Ich wollte eigentlich gar nix zum "Schnittchen"-Eklat in der selbst für den momentanen Zustand der Diskussionsunkultur unterirdischen Politblubberrunde "Wie geht's Deutschland" schreiben, obwohl ich sie zufällig sogar live gesehen habe (mein Masochismus scheint tatsächlich gar keine Grenzen zu haben...).

Was mich dann doch dazu veranlasst hat, ist ein ganz anderes Ereignis - nämlich die Abschaltung meines liebsten Feindes in der Blogosphäre - des Honigmanns. Dieser Blog hatte für mich immer eine karthatische Funktion - egal was ich mir im Alltag, im Fernsehen, im Netz an kapitalem Schwachsinn anhören musste - zwei, drei Seiten Honigmann haben das wieder zurechtgerückt. Mir sind zwar die genauen Hintergründe nicht bekannt - macht Wordpress ebenfalls eine "Netzwerkdurchsetzung"? Da das Blog ja von mehreren Autoren betrieben wird, ist mir nicht mal klar, ob ihn die niedersächsische Justiz gerade eingekastelt hat oder nicht. Aber egal, der Honigmann ist offline, und das finde ich schade. Denn dieser Typ disqualifiziert sich einfach am erfolgreichsten durch seine 10.000 Beiträge, die jetzt nur noch mühsam mittels Waybackmachine zu finden sind. Und das wirft - genau wie der Verlauf dieser Talkrunde natürlich grundsätzliche Fragen auf.

5. September 2017

"Die schaurige Moritat von Rebekka, die mit den Türen knallte"



A trick that everyone abhors
In little girls is slamming doors.
A wealthy banker's little daughter
Who lived in Palace Green, Bayswater
(By name Rebecca Offendort),
Was given to this furious sport.

She would deliberately go
And slam the door like billy-o!
To make her uncle Jacob start.
She was not really bad at heart,
But only rather rude and wild;
She was an aggravating child...

It happened that a marble bust
Of Abraham was standing just
Above the door this little lamb
Had carefully prepared to slam,
And down it came! It knocked her flat!
It laid her out! She looked like that.

Her funeral sermon (which was long
And followed by a sacred song)
Mentioned her virtues, it is true,
But dwelt upon her vices too,
And showed the deadful end of one
Who goes and slams the door for fun.

The children who were brought to hear
The awful tale from far and near
Were much impressed, and inly swore
They never more would slam the door,
-- As often they had done before. 

- Hilaire Belloc, "Rebecca, Who Slammed Doors For Fun And Perished Miserably" (1907)

3. September 2017

Die Wahlwette

Nicht nur im Blätterwald rauscht es derzeit ganz gut, auch in unserem kleinen Zimmer werden Szenarien gewälzt, Argumente getauscht und Phantomkoaltionen gebildet. Von ganz "normaler" schwarz-gelber Koalition bis zu CDU/CSU-Minderheitsregierungen.
Alles ganz lustig und vor allem sehr schön, weil derzeit ohnehin alle im Kaffeesatz lesen und das spannende Ereignis ja noch weit weg ist. Höchte Zeit ein kleines Spiel daraus zu machen.

1. September 2017

Pluralismus

Am Sonntag ist es soweit: Das staatliche Fernsehen erfüllt einen zentralen Teil seiner Informationspflicht und gibt den Bürgern die Möglichkeit, sich umfassend auf die Bundestagswahl vorzubereiten. Das bedeutet, daß die Vorsitzende der einen Regierungspartei und der Vorsitzende der anderen Regierungspartei ihre politische Weltsicht darlegen. Vertreter der Opposition sind nicht zugelassen.

Das klingt nach einer "lupenreinen Demokratie" in irgendeinem obskuren Teil der Welt, ist aber inzwischen journalistische Praxis in Deutschland. Wobei man am Sonntag eigentlich keinen Journalismus erwarten darf - erfahrungsgemäß traut sich keiner der "Moderatoren", das übliche inhaltslose Geschwurbel der Amtsinhaberin durch kritische Nachfragen zu präzisieren. Vom Juniorpartner der Koalition wird ohnehin wenig erwartet.

28. August 2017

島小夜綠曲 - "Das Lied der grünen Insel"

綠島小夜 - Lǜ dǎo xiǎo yè qǔ (Die Serenade der Grünen Insel)



這綠島像一隻船
在月夜裡搖呀搖

姑娘喲妳也在我的
心海裏飄呀飄

讓我的歌聲隨那微風
吹開了你的窗簾

讓我的衷情隨那流水
不斷地向妳傾訴

椰子樹的長影
掩不住我的情意

明媚的月光
更照亮了我的心

這綠島的夜已經
這樣沉靜

姑娘喲妳為什麼
還是默默無語

25. August 2017

"Nous oublions trop que la satire doit blesser"

"JE SUIS CHARLIE"











Et à propos de vous tous, maintenant?



U.E.

© Ulrich Elkmann. Für Kommentare bitte hier klicken.

24. August 2017

Botschafter im All

Voyager 1 und 2 sind seit vier Jahrzehnten im All unterwegs, die eine aus Erdsicht nach Norden, die andre nach Süden. Sie legen täglich 1,4 Millionen Kilometer zurück. Ihre erste Aufgabe war die Erkundung der äußeren Planeten unseres Sonnensystems. Jetzt sind sie stumm unterwegs in die Unendlichkeit. Damit sie eines Tages andere Sonnen und Planeten mit einer eventuellen Zivilisation erreichen können, wurden sie als Botschafter ausgerüstet. Die Sonden haben eine 30 cm große Datenplatte aus vergoldetem Kupfer an Bord, die „Voyager Golden Records“. Was berichten sie von unserer Erde und was sagt das über uns?

Keine Alternative zur Alternative. Eine alternative Sicht.

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Eigentlich wollte ich diesen Artikel erst später schreiben. Aber da mein geschätzter Mitautor Meister Petz einen sehr gut informierten und recherchierten Artikel zur AfD geschrieben hat, möchte ich dann doch beim Eisen bleiben so lang es heiß ist. Die im folgenden formulierten Gedanken gehen mir schon seit Monaten durch den Kopf und es ist einmal an der Zeit, sie in geordnete Form zu bringen.

23. August 2017

Prankenhieb: Dann wählt sie doch! - Ein Aufruf nebst einer Betrachtung der Seriosität Jürgen Elsässers

Noch gut ein Monat bis zur Bundestagswahl, und der Wahlkampf geht erstaunlich geräuschlos vor sich - der Schulzzug steht auf freier Strecke, eine Ablösung von Merkel scheint nicht in Sicht. Das wissen auch alle außer dem Schulzzug, aber der hofft ähnlich der AfD darauf, so unsympathisch zu sein, dass sich die Umfrageteilnehmer nicht trauen zuzugeben, für ihn stimmen zu wollen. Die Umfragen sind aber erstaunlich stabil, eine schrödereske Aufholjagd wie 2002 ist nicht zu erwarten. Offen bleibt lediglich noch, ob ich am Wahlabend vom Kneipenwirt meines Vertrauens eine Flasche Himbeergeist gewinne oder sie zahlen muss. Mit dem habe ich nämlich gewettet, dass die AfD einstellig bleibt.

Die AfD hat derweil in der letzten Woche in Magdeburg einen "Russlandkongress" veranstaltet, und weil sie natürlich der Lügenpresse nicht trauen, haben sie schon während der Veranstaltung dazu aufgerufen, sich das Video anzuschauen und nicht den Systemmedien zu glauben. Das habe ich getan. Dieses Video dauert 9 Stunden (in den Pausen kommen immer engagierte Einspielerkonserven vom Compact-Magazin) und hat es wirklich in sich. Bisweilen kam man sich von der Rhetorik vor wie auf einem Parteitag der MLPD oder der kommunistischen Plattform, aber in der Hinsicht schenken sich die sowieso nichts.

Da selbst ein Prankenhieb mit einer Streicheleinheit beginnen soll, zunächst etwas Positives: Die Veranstaltung bestätigt, dass die AfD tatsächlich keine Ein-Themen-Partei (Zuwanderung) ist, sondern im Gegenteil über ein außenpolitisches Konzept verfügt. Und dieses unterscheidet sich bezeichnenderweise nur in Nuancen von dem der Linken. Raus aus der NATO, Bruch mit den USA, Annäherung an Moskau. Damit aber das Publikum nicht aus Versehen ihre Anteile an der BRD GmbH (systemkonform: Wählerstimme) versehentlich Mütterchen Wagenknecht anvertraut, wurde das Ganze ordentlich mit pathetisch deklamierten Putinzitaten und volksdeutschem Zuckerguss bestreut. Radebrechende Spätaussiedler wurden als wahre Träger des Deutschtums gefeiert (das ist besonders lustig, weil gerade diese Gruppe nach ihrer Ankunft in den 90er Jahren kaum besser integriert war als die heutigen Invasoren und eine vergleichbare Kriminalitätsstatistik hatte). 

22. August 2017

Aus der Schwalbenperspektive (13): Spottdrosselgezwitscher zum Bundesliga-Saisonauftakt

Es ist angepfiffen: Die Bundesliga-Saison 2017/2018 hat begonnen. Der Sinn des Lebens, ja das Leben selbst ist zurück, und zwar mit seinen kleinen Alltagsfreuden, als da insbesondere wären: Verschwörungstheorien, die Diversity-Frage und die gute, alte Kapitalismuskritik.

Es gibt ein Aug, das alles sieht, und wenns fernab des Schiedsrichters geschieht - nun auch in der Bundesliga. Die Rede ist vom sogenannten Video-Assistenten. Dieser wird in der angelaufenen Spielzeit zum ersten Mal im heimischen Kicker-Oberhaus verwendet. Nein, ein Big Brother ist das nicht, auch kein Leviathan, denn zum einen darf der in Köln stationierte Bildschirm-Referee nur in eng umrissenen Situationen tätig werden, und die endgültige Wahrheitsfindung liegt bei den Pfeifenmännern (oder der Pfeifenfrau, Singular gerechtfertigt, dazu gleich mehr) auf dem Platz.

21. August 2017

Absturz

Eine Firma geht pleite. Das ist nichts Besonderes, das passiert in Deutschland etwa zehntausend Mal pro Monat.
Aber es ist Wahlkampf. Und ab einer gewissen Firmengröße gibt es dann den Holzmann-Effekt, das heißt Politiker geben viele Steuermillionen aus, um die Firma und die Arbeitsplätze für ein paar weitere Monate zu "retten".

Im Falle Air Berlin ging das besonders schnell: Schon gleich nach Bekanntwerden der Insolvenz erklärte die Wahlkampfregierung, daß der Steuerzahler sehr gerne 150 Millionen zuschießen würde. Etwas zu schnell, finden viele Experten aus der Branche. In so kurzer Zeit eine Kreditverhandlung mit Geschäftsführung, Eigentümern und Gläubigern durchzuführen - das riecht schon nach vorherigen Absprachen und einer gezielten Insolvenz.

Und generell ist es natürlich verboten, daß sich eine Regierung aktiv in den Wettbewerb einmischt. Früher war das üblich, aber dank der europäischen Einigung sind die Möglichkeiten politischer Subventionierung inzwischen stark eingeschränkt. Air-Berlin-Konkurrenten wie Ryanair haben deswegen schon Protest eingelegt und sich an die EU gewandt.

So weit, so schlecht, so üblich - aber nun geht es sogar noch weiter.

许巍 - 蓝莲花. "Der blaue Lotus" (2002)

许巍 - 蓝莲花

Xu Wei - "Der blaue Lotus" (Lán liánhuā, 2002)



沒有什麼能夠阻擋
你對自由的嚮往
天馬行空的生涯
你的心了無牽掛

穿過幽暗的歲月
也曾感到彷徨
當你低頭地瞬間
才發覺腳下的路

心中那自由地世界
如此的清澈高遠
盛開著永不凋零
藍蓮花

Nichts konnte jemals
Deine Sehnsucht nach Freiheit zähmen
Du hast alle Fesseln abgeschüttelt - 
Du hast dein Herz an nichts gebunden.

Du hattest den Weg verloren
Auf deiner Bahn durch das Dunkel
Doch sobald du nach unten geschaut hast
Hast du den Weg unter deinen Füßen entdeckt.

In der grenzenlosen Welt in deinem Herzen
Blüht auf ewig, rein und klar
Nie verwelkend, nie vergehend
Der blaue Lotus.

xīnzhōng nà zìyóu de shìjiè
rúcǐ de qīngchè gāo yuǎn
shèng kāizhe yǒng bù diāo líng
lán liánhuā

20. August 2017

Marginalie: Die Empörung über Erdoğan ist berechtigt, aber scheinheilig

Es ist ein eklatanter Verstoß gegen die anerkannten Regeln der diplomatischen courtoisie, wenn ein ausländisches Staatsoberhaupt Empfehlungen für die Parlamentswahlen in einem anderen Land abgibt. Von daher ist die Empörung deutscher Spitzenpolitiker über den - laut SPIEGEL-Online an "meine Bürger in Deutschland" gerichteten - Aufruf des türkischen Präsidenten, bei der Bundestagswahl nicht CDU, SPD oder die Grünen zu wählen, durchaus verständlich und berechtigt. Die öffentlich zur Schau gestellte Entrüstung ist aus zwei Gründen aber auch scheinheilig.

19. August 2017

Selbstdemontage. Samt einer Coda von fremder Hand

Es gibt Vorkommnisse, öffentliche Selbstdemontagen, zu denen sich jeder Kommentar erübrigt. So gestern bei dem Statement, das der Kanzlerkandidat der SPD, Marin Schulz, am Freitag morgen zum Massaker in Barcelona vor den Kameras der Weltöffentlichkeit ablieferte.



Zitat des Tages: Terrorismus und Fatalismus

"Das Risiko lässt sich nicht vermeiden, damit müssen wir uns abfinden. Aber jeder Einzelne kann Widerstand leisten – weiter in Cafés, zu Konzerten und auf Flaniermeilen gehen, und damit die eigenen Werte verteidigen."

Sandra Louven, "Der Terror ist zurück in Spanien", 18.08.2017, Handelsblatt online, zu den Terroranschlägen in Barcelona und Cambrils.

Kommentar: Um es vorwegzunehmen: Der Verfasser dieser Zeilen ist anderer Meinung als Sandra Louven. Die zwei angeführten Sätze aus deren verlinktem Artikel haben sich ungeachtet dessen ein Zitat des Tages verdient, weil sie den Tenor der nach Terroranschlägen erfolgenden, meist recht verschwurbelten Appelle der politisch-publizistischen Klasse prägnant zusammenfassen.

17. August 2017

Der Tod des Herzogs und die Niedersachsenwahl

Wenn man zeigen möchte, daß in der hohen Machtpolitik die moralischen Maßstäbe anderen Prioritäten unterliegen als im Alltagsleben, wird gerne Fouché zitiert. Als Napoleon, der außerhalb der Schlachtfelder oft wenig geschickt agierte, den Herzog von Enghien entführen und ermorden ließ, da kommentierte sein Polizeiminister: "Das war schlimmer als ein Verbrechen, das war ein Fehler". Denn fies darf man schon sein als Staatsmann - aber möglichst nicht doof.

Nun ist es etwas schwierig, von Napoleon überzuleiten auf Thomas Oppermann. Ein ganz krasser Niveauabstieg in nur wenigen Sätzen. Immerhin kann man auch vom SPD-Fraktionschef sagen, daß er außerhalb der - in Deutschland Gott sei Dank nicht mehr aktuellen - Schlachtfelder oft wenig geschickt agiert.

Es wäre auch übertrieben zu sagen, die von ihm angekündigte Verschiebung der Koalitionsgespräche nach der Wahl wäre ein Verbrechen.
Aber demokratisch anständig ist sie natürlich nicht. Nach den klassischen Vorstellungen arbeitet die Regierung für das Wahl des Landes, und eine unnötige Verzögerung bei der Regierungsbildung schadet also dem Land. Die SPD nimmt diesen Schaden in Kauf, um ihre Chancen bei der Niedersachsenwahl zu verbessern.
Kein Verbrechen, aber ein übliches mieses parteitaktisches Manöver.

Und ein Fehler.